Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung
Dienstag, 20. Januar 2009

Schonungslose Qual

»Extremities« begeistert in der Brotfabrik
Von Anouk Meyer
Der Albtraum schlechthin für jede Frau: In der eigenen Wohnung plötzlich einem Wildfremden gegenüber zu stehen, der eindeutig keine guten Absichten hegt. So ergeht es Marjorie in dem Theaterstück »Extremities«. Ein Mann kommt plötzlich in ihr Wohnzimmer, behauptet, einen gewissen Joe zu suchen, und schlendert frech herum. Immer panischer versucht sie, ihn loszuwerden – doch der Fremde weigert sich zu gehen, wird immer anzüglicher und fällt schließlich über die wehrlose Frau her. Doch die dreht den Spieß um.
1982 schrieb der US-Amerikaner William Mastrosimone dieses harte, schonungslose Stück, vier Jahre später wurde es mit Farah Fawcett in der Hauptrolle verfilmt. Nun inszeniert Regisseurin Ruth Pichler es in der Brotfabrik und im Theaterforum Kreuzberg – und demonstriert damit die ganze Wucht des Theaters im Gegensatz zum Bildschirm: Erst auf der Bühne, nur wenige Meter von den Zuschauern entfernt, entfaltet das Stück seine volle Wirkung. Man kann sie förmlich riechen, die panische Angst der in die Enge getriebenen Marjorie, die ungezügelte Gier von Raul. Man spürt den Spaß, den er an seinem Katz-und-Maus-Spiel hat, seine Genugtuung, wenn er die hübsche Frau überwältigt, sie schlägt und demütigt.
Doch Marjorie schafft es, ihm Farbe in die Augen zu sprühen, schlägt ihn mit einem Golfschläger nieder, fesselt ihn und sperrt ihn im Kamin ein. Statt die Polizei zu rufen, will sie es dem Sadisten mit gleicher Münze heimzahlen. Als ihre zwei Mitbewohnerinnen heimkommen, sind diese entsetzt, zumal Raul deutliche Spuren des Kampfes trägt, Marjorie aber unverletzt ist. Raul spielt die Frauen geschickt gegeneinander aus, stellt sich als Opfer dar und heizt die hoch gereizte Stimmung immer mehr auf. Brutal, schonungslos, ja quälend ist fast jede Minute der zweistündigen Aufführung, lediglich die allzu langen Diskussionen der drei Frauen hätte man kürzen können.
Überhaupt sind die Szenen zu zweit bei weitem die stärksten. Saskia Rutner und Mario Pokatzky spielen derart ungekünstelt und intensiv, dass man alles um sich herum vergisst. Eine Meisterleistung! Leider wirken die Mitbewohnerinnen Terry (Laura Levin) und Patricia (Dafne-Maria Fiedler) dagegen arg schablonenhaft und plakativ. Die Frage, ob eine (versuchte) Vergewaltigung Selbstjustiz rechtfertigt, kann – und will – das Stück nicht beantworten. Statt dessen zeigt es sehr geschickt gesellschaftliche und psychologische Mechanismen wie Neid, Konkurrenzdenken und Mangel an weiblicher Solidarität auf. Und ebenso, dass Selbstjustiz keine Genugtuung bringt.

 

Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung
Samstag, 3. November 2007

In die Enge getrieben

»Monster Klaviere Explosionen« im Orphtheater
Von Robert Meyer
Was tun, wenn man vollgestopft ist mit Demütigungen, Ablehnung und Hilflosigkeit? Klein »Monster« wird dann seinem Namen gerecht: Es fesselt Vater und Mutter und bringt beide um. »Monster Klaviere Explosionen« im Orphtheater ist ein Stück über die Gewalt der Verzweifelten.
Die Inszenierung bietet eine bildstarke, emotionale Sicht in die Familie eines Amokläufers. Auch wenn Schauspieler Uwe Schmieder hier als Regisseur temporeich inszeniert und wohl bewusst einseitig zeichnet, kommt er grundlegenden Verhaltensweisen, die Amokläufe auslösen können, gut auf die Spur. In Schmieders Familie stimmt nichts. Der Vater (Alexander Rohde) wäre gerne ein großer Konzertpianist, die Mutter (Maike Möller), eine ehemalige Nobelprostituierte, ist unzufrieden mit ihrem Leben. Beide giften sich nur noch heftig an.
In dieser Atmosphäre hat Sohn (Mario Pokatzky), Monster genannt, keine Chance. Als Sündenbock hält er für alles her, was bei den Eltern schiefgeht. Es wird gebrüllt, sich auf dem Boden gewälzt und Gewalt ausgeübt. Der Regisseur zeigt dabei seine Protagonisten als an sich selbst verzweifelnde Menschen, die nicht wissen, wohin mit dem Druck, und diesen fast automatisch beim Schwächsten abladen. Er zeigt einen Sumpf aus Missverständnissen, unaufgelösten Konflikten, verletzten Gefühlen.
Neben zwei Clowns (Nicole Janze, Matthias Hille), die zwischendurch als sanfte Kommentatoren des aggressiven Geschehens auftreten, ist das Stück durchzogen von bekannten Rockmusikstücken, die die Gefühle von »Monster« gut unterstreichen. Am Ende lässt der Regisseur den Amokläufer als Ankläger auftreten, der die Dominanz von Egoismus und Gier brandmarkt. Der moralische Zeigefinger dabei mag aufstoßen, nachvollziehbar ist er. Danach kann bei Zuschauenden der Wunsch entstehen, etwas geduldiger miteinander umzugehen.
Bis 29.10., 20 Uhr, Orphtheater, Ackerstraße 169, Mitte, Tel.: 441 00 09

 

Kritik zum Kino – Film “ Nuttentarif“

familiepresse1

Die Zeitschrift “ tip Berlin“ schreibt:
Berlinfilm mit kaputten Figuren in einer kaputten Hauptstadt
Hm, hat die Welt diesen Film gebraucht? Diesen schwer unkorrekten, stinkig-speckigen Zuhälterfilm, der, selbst gebastelt wie Frankensteins Monster, auch noch das Maul aufreißt und rotzfrech mit seinen dicken Eiern prahlt, während ihn doch nur der Kunstgriff des Film-im-Films vor totaler Peinlichkeit bewahrt? Gebraucht vielleicht nicht, aber unbedingt verdient! Es steckt eine Menge Leben in dem hässlichen Werk: bösartiger Zynismus, der wie hellsichtiger Witz wirkt; groteske Übertreibung, die nach Wahrheit schmeckt; Provokation, die Analyse sein könnte. Schmerzhafte Analyse mit dem Holzhammer, die inständig hoffen lässt, dass das Ganze nicht ernst gemeint ist.
i: Nuttentarif Deutschland 2005; Regie: Alexander Pfander;
Darsteller: Mario Pokatzky (Werner), Daniel Pfander (Ronny),
Gianni Meuer (Dennis Rehmann); Farbe, 119 Minuten; Kinostart: 15. Dezember 2005
Alexandra Seitz
TIP 26/05

 

Die Morgenpost schreibt:

Nullnummer Krude: Alexander Pfanders Kinodebüt „Nuttentarif“
Von Peter Claus
Branchen-Gerüchte behaupten, „Nuttentarif“ sei ein „echt dreckiger Berlin-Film“ und der Regisseur Alexander Pfander ein „total irrer Typ“. Solche Sprüche garantieren Aufmerksamkeit. Genau das, was Pfander will. Der 1976 geborene Kino-Autodidakt ist beharrlich. „Nuttentarif“ entstand fern einer nennenswerten Finanzierung, alle Mitwirkenden haben das Projekt ohne Gage bewerkstelligt. Gedreht wurde, wenn Schauspieler oder Kameramann Zeit zwischen anderen, bezahlten Jobs hatten. Rund ein Jahr dauerte deshalb der Dreh, die Arbeit am Schneidetisch noch mal acht Monate. Vor soviel Durchhaltevermögen kann man nur den Hut ziehen. Das ist es dann aber auch schon. „Nuttentarif“ ist eine totale filmische Nullnummer. Schnapsgläser in Großaufnahme, Verbalinjurien am Fließband und eine krude Episodenfolge im Ludenmilieu, das so gestelzt wirkt, wie es in Klein-Ernas Phantasie aussieht, das macht keinen Spielfilm aus. Das „dreckige Berlin“? Jeder Haufen Hundekot im Prenzlauer Berg ist dreckiger. Die Nicht-Geschichte könnte in jedem Nest der Welt spielen. Einfach vergessen.
So einfach doch nicht. Denn:Pfander kann Bilder von verführerischer Dichte entwerfen, weiß Optik und Akustik effektvoll zu montieren, hat Lust am Spiel mit Licht und Schatten. Der Junge hat – so verquirlt dieser Film ist – Talent. Bisher haben ihn die Filmhochschulen der Region abgelehnt. „Nuttentarif“ sollte ihm die Türen zur Ausbildung öffnen. Er muß nur noch wahnsinnig viel lernen. Bewertung 1

 

Aktualisiert: 19.05.2009